Durch einen Hinweis von Joseph Reagle in der Wikipedia-Forschungsmailingliste Wiki-research-l bin ich auf den englischsprachigen Aufsatz “Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past“ von Roy Rosenzweig gestossen, dessen Lektüre ich jedem Wikipedia-Interessierten nahe legen möchte.
Der Artikel wurde ursprünglich im Journal of American History Volume 93, Number 1 (June, 2006): page 117-46 veröffentlicht. Rosenzweig schreibt über die Sicht und den Nutzen der Wikipedia aus dem Blickwinkel von Historikern.
Leider bin ich zur Zeit sehr eingespannt, so dass ich nicht näher auf den Text eingehen kann, aber im folgenden wenigstens ein paar Worte und einige Zitate, die ich gerne wiederholen möchte.
Rosenzweig startet mit einer Beschreibung, was die Wikipedia ist und beschreibt ihre Geschichte und die Entwicklung zum heutigen Stand, sowie die Grundlagen, wie dem Ziel, eine Enzyklopädie zu schreiben, den neutralen Standpunkt einzuhalten, keinen Original Research zu betreiben und die zugrundeliegende Lizenz.
Um zu testen ob sich die Wikipedia als Quelle für historische Informationen eignet, hat Rosenzweig neben allgemeinem Querlesen in der Wikipedia zur amerikanischen Geschichte, bei dem er auch viel Unsinn fand, 25 Biographien von historischen Persönlichkeiten mit den jeweils zugehörigen Artikeln in der Online-Version von Microsofts Encarta und dem Fachwerk der Oxford University Press American National Biography Online verglichen.
Grob zusammengefasstes Ergebnis:
Wikipedia, then, beats Encarta but not American National Biography Online in coverage and roughly matches Encarta in accuracy.
Nachdem der Autor unter anderem auch auf die Artikelqualität eingeht und die Probleme, die bei Wikipedia-unerfahrenen Besuchern auftauchen können (Verlässlichkeit, Erkennen von Vandalismus) anspricht, gibt er auch Vorschläge für Verbesserungsmöglichkeiten:
Indeed, simply taking information buried on the “History” page and making it more public would enhance Wikipedia — for example, the “Article” page might say, “This article has been edited 350 times since it was created on May 5, 2002, including 30 times in the past week.” It could even add that “very active Wikipedians” (those with more than one hundred edits this month) contributed 52 percent of those edits. Such information could be automatically generated, and it would give the reader additional clues to the quality of the entry.
oder auch
Another possible improvement would have readers rate the quality of individual Wikipedia entries, an approach used by a number of popular Internet sites, including Amazon.com (which enjoins visitors not just to review and rate books but also to answer the question “Was this review helpful to you?”) and Slashdot (which has a complex system of “moderation” that rates the quality of posted comments). During the Seigenthaler controversy, Wales announced that Wikipedia would be adding this feature soon.
Die Bewertungs-Möglichkeit kommt jetzt übrigens wirklich bald – laut Brion Vibber – dem CTO von Wikimedia – wird sie in den nächsten Tagen an den Start gehen.
Schön ist auch der Absatz, in dem Rosenzweig die unkritische Nutzung der Wikipedia-Inhalte durch Schüler und Studenten aufgreift, sowie das Zitieren von Wikipedia-Texten in Hausarbeiten. In den vergangenen Tagen war ja wieder viel Unsinn zu einem Zitat von Jimbo Wales in (deutschen) Zeitungen zu lesen – hier ein Paradebeispiel eines schlechten Artikels der Netzzeitung. Diese Meldungen gehen auf einen Artikel in “The Wired Campus” zurück, in dem Jimbo zitiert wird:
For God sake, you’re in college; don’t cite the encyclopedia.
Rosenzweig versteht dieses Zitat natürlich richtig und schreibt:
Teachers have little more to fear from students’ starting with Wikipedia than from their starting with most other basic reference sources. They have a lot to fear if students stop there. To state the obvious: Wikipedia is an encyclopedia, and encyclopedias have intrinsic limits. Most readers of this journal have not relied heavily on encyclopedias since junior high school days. And most readers of this journal do not want their students to rely heavily on encyclopedias—digital or print, free or subscription, professionally written or amateur and collaborative—for research papers.
Weitere Themen die angesprochen werden, sind die – besonders auch auf der in der letzten Woche stattgefundenen Wikipedia-Academy (über die ich leider auch keine Zeit gefunden habe zu bloggen) Expertenfeindlichkeit der Wikipedia und Open Access und dessen Nutzen gegenüber bestehenden Modellen im Allgemeinen – dazu passend das Abschlusszitat:
If historians believe that what is available free on the Web is low quality, then we have a responsibility to make better information sources available online. Why are so many of our scholarly journals locked away behind subscription gates? What about American National Biography Online—written by professional historians, sponsored by our scholarly societies, and supported by millions of dollars in foundation and government grants? Why is it available only to libraries that often pay thousands of dollars per year rather than to everyone on the Web as Wikipedia is? Shouldn’t professional historians join in the massive democratization of access to knowledge reflected by Wikipedia and the Web in general?55 American National Biography Online may be a significantly better historical resource than Wikipedia, but its impact is much smaller because it is available to so few people.
2. August 2006 um 14:06 Uhr
[...] Nachdem ich bereits am 24. Juni eine Leseempfehlung für einen Aufsatz eines US-amerikanischen Historikers ausgesprochen habe, folgt hier ein Hinweis auf einen weiteren Artikel – ebenfalls aus der Feder eines amerikanischen Historikers. [...]
14. Dezember 2006 um 20:58 Uhr
[...] Ich hatte kürzlich die Frage gestellt, welchen Wert Wikipedia für die Geschichtswissenschaft habe und eine Untersuchung dazu gewünscht. Darauf folgte prompt der Hinweis auf einen Artikel von Roy Rosenzweig, seines Zeichens Leiter des Center for History and New Media an der George Mason Universität in Fairfax, Virginia mit dem Titel: Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past (erschienen in The Journal of American History, 93/1 (2006), S. 117-146). Eine gute Zusammenfassung hat Tim Bartel in seinem Wikipedistik-Blog schon geliefert, hier noch einmal die wichtigsten Fakten aus meiner Sicht. [...]
13. Oktober 2007 um 17:11 Uhr
Rosenzweig starb vorgestern, siehe auch
http://archiv.twoday.net/stories/4346788/
14. Oktober 2007 um 07:58 Uhr
Vielen Dank für den traurigen Hinweis.