Gestern im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 (Deutschland – EcuadorArgentinien) konnte man schön etwas beobachten, was bereits in geringerem Ausmaße seit den Vorrunden-Spielen in den Statistiken abzulesen ist: Wenn die Straßen sich leeren, leeren sich auch die Computerbildschirme.
Die folgende Grafik zeigt gestrige Anfragen an die Wikipedia in bits/s (die Zeiteinteilung ist UTC – man muss also zwei Stunden addieren):

Erste Ergebnisse der Online-Befragung veröffentlicht
28. Juni 2006 | Fortschritt, Wissenschaftliches | 3 Kommentare »
Ich habe soeben einige ausgewählte Ergebnisse meiner deutschen Onlineumfrage „Wikis in Unternehmen“ auf der entsprechenden Ergebnis-Seite veröffentlicht. In Zukunft folgen weitere Daten aus der noch laufenden internationalen Umfrage und der Telefonbefragung.
Die dargestellten Ergebnisse basieren auf 196 Fragebögen und sind – es lohnt sich das öfter mal zu betonen, bevor es jemand falsch versteht – nicht repräsentativ.
Die kompletten Ergebnisse sind entsprechend ausgewertet dann meiner Diplomarbeit zu entnehmen, sobald diese abgeschlossen ist.
Durch einen Hinweis von Joseph Reagle in der Wikipedia-Forschungsmailingliste Wiki-research-l bin ich auf den englischsprachigen Aufsatz „Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past„ von Roy Rosenzweig gestossen, dessen Lektüre ich jedem Wikipedia-Interessierten nahe legen möchte.
Der Artikel wurde ursprünglich im Journal of American History Volume 93, Number 1 (June, 2006): page 117-46 veröffentlicht. Rosenzweig schreibt über die Sicht und den Nutzen der Wikipedia aus dem Blickwinkel von Historikern.
Artikel weiterlesen »
Das Fundstück der Woche findet sich nicht in der Computerbild, sondern in der iX Ausgabe 07/2006 mit dem Aufmacher „Mashup mit Web 2.0“ auf Seite 56 im Interview mit Frank Westphal, dem technisch Verantwortlichen der Web 2.0 Plattform Qype:
Das ursprünglich enthaltene Kategorisierung-System wurden gegen das Konzept des Tagging getauscht. Yahoo ist meiner Meinung nach an dem Konzept, alles in Directory-Kategorien zu sortieren, gescheitert. Für viele Leute ist dieses Schubladendenken einfach nicht mehr passend. Um Nischenmärkte abzudecken ist Foxonomy-Tagging [Wort für Portraits schöner Menschen bei Flickr, d. Red.] eine gute Möglichkeit.*
* alle Fehler 1:1 übernommen
Nun muss ein unbedarfter Computernutzer vielleicht nicht gerade wissen, was Folksonomies sind – aber von einem Autor, der sich mit dem Thema Web 2.0 beschäftigt und einen Artikel darüber in einer Computerfachzeitschrift schreibt, erwarte ich das dann eigentlich schon.
Am 17. Juni 2006 erschien in der New York Times der Artikel „Growing Wikipedia Revises Its ‚Anyone Can Edit‘ Policy“ von Katie Hafner. Wie bereits die Überschrift erahnen lässt, hat es die Autorin leider geschafft, einen vollkommen falschen Eindruck über einen angeblichen Philosophie-Wandel zu erwecken – was in den letzten Tagen von etlichen Zweitverwertern aufgenommen wurde.
Wikipedia is the online encyclopedia that „anyone can edit.“ Unless you want to edit the entries on Albert Einstein, human rights in China or Christina Aguilera.
Wikipedia’s come-one, come-all invitation to write and edit articles, and the surprisingly successful results, have captured the public imagination. But it is not the experiment in freewheeling collective creativity it might seem to be, because maintaining so much openness inevitably involves some tradeoffs.
Diesen falschen Eindruck versucht Jimbo in seinem Blog geradezurücken. Ein möglicher Teaser in der NYT hätte realitätsnäher etwa wie folgt lauten sollen:
Wikipedia Becomes More Open
Wikipedia is the encyclopedia that ‘anyone can edit,’ and this has become more true in recent months. In past years, Wikipedia was sometimes forced to protect some articles from editing, but recent software and policy development has allowed for articles which would have formerly been protected to be open for editing.
Bereits seit Jahren werden Artikel gesperrt. Beispielsweise dann, wenn ein Edit-War ausbricht oder ein Artikel dauerhaft vandaliert wird.
Ein gesperrter Artikel wird in seinem aktuellen Zustand eingefroren und kann nur noch von Administratoren – nicht aber von normalen angemeldeten oder unangemeldeten Benutzern – bearbeitet werden. Tendentiell treten Probleme am ehesten bei kontrovers diskutierten Themen auf. So sind in der deutschsprachigen Wikipedia beispielsweise momentan der Artikel Scientology (Edit-War) oder Hurensohn (typisches Vandalismus-Ziel) gesperrt.
Bei Edit-Wars bleiben diese Sperren in der Regel bestehen, bis sich die Kontrahenden ein wenig abgekühlt haben und ein Konsens auf der zum Artikel gehörigen Diskussionsseite gefunden werden kann.
Soweit also nichts neues. Seit Ende 2005 (also seit mehr als einem halben Jahr) gibt es eine weitere Möglichkeit, einen gefährdeten Artikel zu schützen – die „Halbsperre“ (semi-protection). Diese ermöglicht es, einen Artikel für nicht-angemeldete und gerade neu angemeldete Benutzer zu sperren. Jeder Benutzer, der länger als vier Tage angemeldet ist, hat allerdings die Möglichkeit, den Artikel zu bearbeiten.
Diese Form der Sperre bietet sich bei aktuellen Themen in denen Vandalismus auftritt und bei besonders hervorgehobenen Lemmata an. Beispiele dafür sind die momentan halbgesperrten Artikel Lordi, Angela Merkel oder Vagina.
Weitere Fragen zur Halbsperrung beantwortet die Pressemitteilung „FAQ Semi-protection policy“ vom 19. Dezember 2005.
Den Anfang der Artikelserie machte Spiegel-Online mit dem Artikel „Wikipedia friert Artikel ein“, der dankenswerterweise wenigstens im wichtigsten Punkt inzwischen verbessert wurde. futureZone/ORF, derStandard.at oder die Netzwoche schreiben über den angeblichen Abkehr von der bisherigen Philosophie des „anyone can edit“.
Noch schlimmer die Artikel von tecchannel, businessportal24 oder der Linkszeitung, die wie viele andere Dienste die Berichte von ZDNet oder pressetext austria übernommen haben. Diese behaupten, dass Sperrungen erst „seit vergangenem Samstag“ existieren würden. Den absoluten Tiefpunkt erreicht schließlich der Artikel von silicon.de. Besonders schön der folgende Satz:
Die Site wurde vor sechs Jahren von dem augenscheinlich glücklosen Börsenhändler Jimmy Wales ins Leben gerufen und ernährt mittlerweile außer dem Gründer noch vier Angestellte bei einem Jahresumsatz von 1,5 Millionen Dollar.
Leider erzeugen all diese Presseberichte den falschen Eindruck, dass es sehr viele gesperrte Lemmata geben würde – auch in Online-Foren (allen voran im Heise-Forum) wird dies oft behauptet. Ich habe bereits im März bei telepolis versucht die Relationen mal etwas geradezurücken.
Diesen Ansatz habe ich nun erneut aufgegriffen und eine Seite erstellt, die anzeigt, wieviel Prozent der Artikel in der Wikipedia gesperrt sind. Vielleicht kann das ein wenig dazu beitragen, die Diskussion über „sperrwütige Admins, die die halbe Wikipedia sperren“ wieder etwas auf die sachlichere Ebene zu bringen.
Eine komplette Liste von gesperrten und halbgesperrten Artikeln existiert natürlich auch.
Alles in allem wieder mal ein gutes Beispiel dafür, wie schnell eine Falschmeldung die Runde macht. Um mit den Worten von Jimbo zu schließen:
I keep looking at the New York Times site, looking for the “edit this page” button to correct the errors, but of course, that’s impossible.




