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Ärgerliche Artikel

(1. September 2006)


Abgelegt in: Wikipedia-News

Vorgestern sind gleich zwei ärgerliche Artikel erschienen:
Zum einen der Artikel Wikipedias Schatztruhe von Sebastian Heiser in der Süddeutschen, der auf tendenziöse und böswillige Art über den Umgang des Wikimedia Deutschland e.V. mit Spendengeldern berichtet, zum anderen der Artikel Warum Wikipedia mit dem NoFollow Link das Netz zerschießt von Christoph Mayerl bei perlentaucher.de, der Verschwörungstheorien aufwartet um den Umgang mit Weblinks in der Wikipedia zu kritisieren, anstatt sich auf konstruktive Weise an der Durchsetzung seiner Ansicht mitzuwirken.

Zuerst zum Artikel in der SZ: Dieser greift die Problematik des Vereins auf, dass dieser eingenommene Spendengelder nicht auf direktem Weg an die Wikimedia Foundation in die USA weitergeben kann.

Die Formulierungen im Artikel lassen nur den Schluß zu, dass es Herrn Heiser erklärtes Ziel ist, den Verein in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken und sein Handeln als moralisch verwerflich darzustellen.

Es wird der Eindruck erzeugt, der Verein verwende das gesammelte Geld entgegen den Wünschen der Spender zur Eigenfinanzierung. In Auszügen liest sich das dann so:

Seit Jahren lässt der Verein die deutschen Wikipedia-Fans im Glauben, er sammele für das große gemeinsame Projekt, ansässig in St. Petersburg, Florida.

Doch während die Wikimedia-Dachorganisation in den USA online detailliert jede einzelne Ausgabe aufzählt, verzichtet der deutsche Verein auf solche Transparenz. So steht auf der Spenden-Seite nirgendwo, dass der Großteil des an den Verein gespendeten Geldes bei der Bank schlummert – und Tag für Tag wird es mehr.

Es wirft auch ein eigenartiges Licht auf den Verein. Denn der weiß schon seit längerem, dass die meisten Spenden auf dem Bankkonto bleiben. Dennoch lässt er seine Gönner im Glauben an den edlen Zweck der Spende.

Eines aber hat die Spendenaktion gebracht: genug Geld für hauptamtliche Funktionen. Ab dem ersten Oktober leistet sich der Verein nun einen fest angestellten Geschäftsführer in der Hauptstadt Berlin, der sich dann um Organisation und Kommunikation kümmert – als erster bezahlter Wikipedianer Deutschlands.

In der Mailingliste des Vereins (in der übrigens auch ein Großteil der vom Autor des Artikels vermissten Informationen gepostet wurden) finden sich mehrere Diskussionen zum Thema, die Fehler des Artikels werden korrigiert und ebenfalls dort zu finden ist ein Leserbrief von Kurt Jansson, dem Ersten Vorsitzenden.

Das es innerhalb des Vereines noch einiges zu verbessern gibt, ist sicherlich korrekt – das ich mir das wünsche, konnte man auch meinem Hinweis auf den Tätigkeitsbericht 2005 entnehmen. Einen solchen Artikel rechtfertigt dies jedoch keinesfalls.

Und nun noch kurz zum Artikel bei Perlentaucher:
Christoph Mayerl vertritt die Ansicht, dass Wikipedia durch die Verwendung des “nofollow“-Attributs bei externen Links asozial handelt.

Nun will ich nicht an dieser Stelle die ganze Diskussion für und wider der Verwendung dieses Attributes erneut aufrollen – unabhängig davon, ob der Autor möglicherweise im Recht ist, ist der Artikel ätzend.

So intendiert der Artikel, dass in der Wikipedia aus vollem Bewusstsein heraus interne Links nicht mit dem nofollow-Attribut versehen würden um den eigenen Pagerank zu pushen. Die Kürze des Artikels “Nofollow” in der deutschsprachigen Wikipedia kann sich der Autor nur durch “Naivität oder Arroganz” erklären.

Zum Ende des Artikels hin, wird dann weit in die Verschwörungstheorie-Schublade gegriffen. So wird spekuliert, ob die Wikipedia sich innerhalb des Netzes als etwas Besseres betrachtet und sich abschotten will.

Es bleibt die Frage, warum der Autor sich nicht konstruktiv einbringt um seinen Wunsch – das Entfernen des nofollow-Tags bei externen Links in der Wikipedia – durchzusetzen. Es gibt mehr als genug Stellen in und um die Wikipedia, an der eine Diskussion zum Thema angestossen werden kann. Ich persönlich habe jedenfalls nach der Lektüre wenig Lust, mich für dieses Ziel einzusetzen.

13 Kommentare zu “Ärgerliche Artikel”

  1. Torsten schrieb:

    Zwei Anmerkungen:

    Die Spendenseiten von de.Wikipedia und Wikimedia Foundation sind in der Tat veraltet und irreführend. Man sollte die Gelegenheit nutzen, das zu ändern.

    “Es bleibt die Frage, warum der Autor sich nicht konstruktiv einbringt um seinen Wunsch…”

    Dieses Argument zählt heute nicht mehr. Zum einen gibt es viel zu viele Stellen bei Wikipedia, Wikimedia, Meta, etc…, an denen man Anstöße geben kann – die versanden dann aber sehr schnell oder werden nie gelesen. Zum anderen: ab einer gewissen Prominenz kann man nicht mehr darauf bestehen, dass Probleme erst intern geklärt werden. Wenn ich etwas an YouTube auszusetzen habe, werde ich mir da keinen Account holen, um es dort in irgendein Forum einzutragen.

  2. Tim Bartel schrieb:

    Zu 1: Ich denke, das sollte kein großes Problem sein. Falls jemand entsprechende Vorschläge hat, sind diese gerne gesehen. Inzwischen hat sich der SZ-Autor in der Vereins-Mailingliste gemeldet. Vielleicht mag der ja ebenfalls einen Vorschlag unterbreiten.

    Zu 2: Das sehe ich (teilweise) ein. Man gewinnt aber in der Regel nicht dadurch, dass man Absicht unterstellt. Auch war mir nicht klar, dass das Verwenden des nofollow-Tags ein Problem darstellt. Das dürfte der übergroßen Mehrheit aller Wikipedianer so gehen.

    Deutlich sinnvoller ist das Verfassen eines Textes, der die Vorteile der selbst-favorisierten Lösung (hier: Verzicht auf das nofollow-Tag) herausstellt und dann darauf hinweist, warum dies in der Wikipedia umgesetzt werden sollte und dabei auch durchaus auf vernüftige Weise kritisieren kann, dass dem nicht so ist. Mit einem Angriff motiviert man niemanden, den Finger für etwas zu krümmen.

  3. Social Software » Blog Archive » Ärgerliche Artikel über die Wikipedia? schrieb:

    [...] Das finde ich keineswegs. Zwar gehen die beiden Artikel “Wikipedias Schatztruhe” (Sueddeutsche.de) und “Warum Wikipedia mit dem NoFollow Link das Netz zerschießt” (Perlentaucher.de) sehr kritisch mit der deutschen Wikipedia um, aber dass der erst genannte Artikel auf “tendenziöse und böswillige Art über den Umgang des Wikimedia Deutschland e.V. mit Spendengeldern” berichten würde, wie von Tim Bartel in seinem Blog Wikipedistik behauptet, kann ich nicht erkennen. [...]

  4. Torsten schrieb:

    “Falls jemand entsprechende Vorschläge hat, sind diese gerne gesehen.”

    Für die Spendenseiten? Das sollten der Verein und die Foundation besser intern ausknobeln.

    “Mit einem Angriff motiviert man niemanden, den Finger für etwas zu krümmen.”

    Leider ist es viel zu oft so. Beispiel innerhalb der Wikipedia: Wenn man will, dass ein Artikel ausgebaut wird, ist ein Löschantrag eine der erfolgversprechendsten Strategien. Ein Review, WS oder gar ein Eintrag auf der Diskussionsseite führen viel seltener zum Erfolg.

  5. Tim Bartel schrieb:

    Beispiele hinken immer… :-)

    Vielleicht hätte ich es aber auch weiter ausführen sollen – der Unterschied: Im ersten Fall (nofollow) greift der Autor u.a. diejenigen an, die das Feature implementiert haben – das sind genau diejenigen Personen, die auch großen Einfluß darauf haben, dass das Feature wieder deaktiviert wird.

    In solch einem Fall ist es IMHO nicht das erfolgsversprechendste Konzept, die Betreffenden anzugreifen, anstatt ihnen die Vorteile einer anderen Lösung nahezubringen.

    In deinem Löschbeispiel ist es so, dass “der Angegriffene” in der Regel nicht in einer entsprechenden Position steht.

  6. helge schrieb:

    du schreibst “Ich persönlich habe jedenfalls nach der Lektüre wenig Lust, mich für dieses Ziel einzusetzen.” doch das hast du gerade getan, indem du dem anliegen mehr publizität verschaffst.

    und so verstehe ich den artikel auch: er polarisiert mit überzogenen aussagen und erreicht damit mehr aufmerksamkeit für die problematik von nofollow. ausgewogene diskussionsbeiträge hat es seit dessen einführung wahrlich genug gegeben, leider ohne effekt. wenn die versandete diskussion jetzt wieder aufflammt, kann ich das nur begrüßen.

  7. digitus schrieb:

    Bei der Reader’s Edition (einem Ich-bin-mein-eigener-Journalist-Spinoff der Netzeitung) stieß heute ein Tobias Gernhardt ins gleiche Horn: “Wikipedia hortet Spendengelder” (http://tinyurl.com/r87sl) – man könnte fast eine Verschwörung gegen Wikipedia vermuten.

  8. Tim Bartel schrieb:

    Naja, “Readers Edition” ist ja so eine Mischung aus Blog und Zeitung (finde ich auch nicht übel – Trackbacks fehlen).

    Tobias Gernhardt hat ebenfalls das Thema der Süddeutschen aufgegriffen und selber einen Artikel dazu geschrieben.

  9. S. Heiser schrieb:

    Guten Tag,

    ich habe die Diskussion hier aufmerksam gelesen und möchte mich als Autor des SZ-Artikels auch gerne zu Wort melden.

    > Es wird der Eindruck erzeugt, der
    > Verein verwende das gesammelte
    > Geld entgegen den Wünschen der
    > Spender zur Eigenfinanzierung

    ich kann nicht erkennen, wo ich in dem Artikel den Eindruck erzeugt hätte, der Verein verwende das Geld zur Eigenfinanzierung. Der Vorwurf ist vielmehr, dass der Verein das Geld gerade größtenteils bisher überhaupt nicht verwendet hat und dies den Spendern nicht klar macht. Genau das ergibt sich auch aus den hier zitierten Auszügen aus meinem Artikel: “So steht auf der Spenden-Seite nirgendwo, dass der Großteil des an den Verein gespendeten Geldes bei der Bank schlummert – und Tag für Tag wird es mehr” und “Es wirft auch ein eigenartiges Licht auf den Verein. Denn der weiß schon seit längerem, dass die meisten Spenden auf dem Bankkonto bleiben.”

    Ich finde, die Spender hätten die Information über die rechtlichen Probleme erhalten sollen. So hätten sie sich entscheiden können, ob sie trotzdem an den deutschen Verein spenden möchten oder ob sie auf die Spendenquittung verzichten wollen und auf direktem Wege an die Foundation spenden, damit das Geld ohne Zeitverzug in die Server investiert werden kann.

    > In der Mailingliste des Vereins (in
    > der übrigens auch ein Großteil der
    > vom Autor des Artikels vermissten
    > Informationen gepostet wurden)

    Diese Information sollte es nicht nur über die Mailingliste der Vereinsmitglieder und für Journalisten auf Nachfrage geben, sondern sie sollte auch für die Spender auf der Spenden-Seite zugänglich sein. Ich finde: Wer über 170.000 Euro an Spenden von der Community einwirbt, muss mit hoher Transparenz Aufschluss darüber geben, wie genau das Geld verwendet (oder eben noch nicht verwendet) wird.

    Schöne Grüße
    S. Heiser

  10. Tim Bartel schrieb:

    Hallo Herr Heiser, schön dass Sie sich zu Wort melden und entschuldigen Sie die verzögerte Antwort.

    Vorab: Ich stimme zu, dass die Transparenz von Seiten des Vereins in Hinblick auf die Spendenverwendung aus größer sein sollte und allgemein dürfte bekannt sein, dass ich dafür plädiere, dass die “Außeninformation” des Vereins verbessert wird.

    Auch nach mehrmaligen Lesen des Artikels hat sich mein Eindruck, den ich beim ersten Lesen hatte, nicht geändert: Für mich liest sich der Artikel, als ob die Intention ist, den Verein als als bewusst “hinterlistig” (betrügerisch wäre vermutlich zu stark) darzustellen, der den Spender an der Nase herumführt.

    Möglicherweise fühle ich mich deshalb so stark davon getroffen, da ich so gut wie alle Vereinsvorstände und ihr Engagement kenne. Das schliesst nicht aus, dass Einiges – auch Wichtiges – im Verein vielleicht (noch) unprofessionell läuft, aber ich verwahre mich vehement dagegen, böse Absichten zu unterstellen, wo keine sind.

    Konkret zur Eigenfinanzierung fasse ich den letzten Abschnitt Ihres Artikels so auf, dass es dem Verein zwar nicht möglich ist, die Spenden für Wikipedia-Hardware bereitzustellen, aber dass er stattdessen das Geld halt aufwendet, um sich selber Festgehalt zu zahlen.

    Martin von Social Software hat aufgezeigt, dass Ihr Artikel durchaus anders interpretiert werden kann – was mich wirklich überrascht hat. Mir gelingt es nämlich nicht, diese Sicht anzunehmen. Aber möglicherweise bin ich bei diesem Thema wirklich zu dünnhäutig.

    Sollte Martins Deutung der Realität entsprechen, würde mich dies jedenfalls sehr freuen.

  11. Tobias schrieb:

    > Konkret zur Eigenfinanzierung fasse
    > ich den letzten Abschnitt Ihres Artikels > so auf, dass es dem Verein zwar nicht
    > möglich ist, die Spenden für Wikipedia-
    > Hardware bereitzustellen, aber dass er
    > stattdessen das Geld halt aufwendet,
    > um sich selber Festgehalt zu zahlen.

    Kann ich nicht ganz nachvollziehen. Im vorletzten Absatz steht doch klar drin, dass der Verein dabei ist, die rechtlichen Probleme zu lösen und das Geld auch in Server fließen soll: “Derzeit sucht der Vorstand nach einer Lösung, um das Spenden-Versprechen doch noch einzulösen. Denn das Finanzamt wird es nicht unbegrenzt hinnehmen, dass das Geld auf der hohen Kante bleibt. Es gebe für die gemeinnützige Verwendung von Spenden aber keine eindeutige Frist, erklärt Senatssprecher Kolbeck. Die Ämter würden immer prüfen, was der Grund für den „Verwendungsrückstand“ ist und wie der Vorstand die Rücklagen auflösen will. Wikimedia Deutschland plant nun, mit dem Geld eigene Computer aufzustellen. Diese könnten dann etwa die Datensicherung oder die besonders rechenaufwändige Suchfunktion der Seite übernehmen.”

  12. thierry chervel schrieb:

    Nur kurz zur Kritik an Christoph Mayerls Artikel im perlentaucher. Sie fragen, warum er nicht “konstruktive” Kritik bei Wikipedia leistet. Ein seltsames Missverständnis über Öffentlichkeit. Konstruktiv ist die Kritik durchaus, aber sie macht das Problem einem weiteren Publikum bekannt, das Wikipdia nutzt und – zurecht! – liebt, aber nicht unbedingt weiß, welche Bedeutung solche Links haben. Solche Machtstrategien müssen doch benannt werden!

  13. Tim Bartel schrieb:

    Das finde ich angebracht, nachdem man das Problem dem Kritisierten nahe gebracht hat.

    Ich behaupte – bei mir weiss ich es sicher – dass das Problem der Wikipedia nicht bekannt war und ich weiss, dass es sicherlich nicht böswillig ausgenutzt wurde, wie der Artikel intendiert.

    Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass man auch ausserhalb der Wikipedia öfter nach dem Grundsatz Assume good faith handelt.

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